Dienstbeginn, 06.43 Uhr
Der Kaffee ist noch zu heiß, die Nacht war zu kurz, und auf der Übergabe fällt ein Satz, der hängen bleibt:
„War schwierig heute.“
Das kann alles bedeuten.
Jemand hat die halbe Nacht geschrien.
Jemand wollte gehen.
Jemand wollte sterben.
Ich stelle meine Tasche ab, werfe einen Blick auf die To-do-Liste des Frühdienstes und gehe zuerst in Zimmer 12.
Die Tür steht halb offen.
Er sitzt auf dem Bett, schaut nicht auf, als ich reinkomme.
Die Schultern nach vorne gezogen, als würde er verschwinden wollen.
Ich sage seinen Namen.
Keine Reaktion.
Ich bleibe trotzdem.
Manchmal beginnt Pflege genau hier.
Nicht in Gesprächstools.
Nicht in Behandlungspfaden.
Sondern in Minuten, in denen scheinbar nichts passiert.
Ich setze mich.
Nicht zu nah.
Nicht zu weit weg.
Ein Abstand, den man jeden Tag neu verhandelt.
Auf dem Flur Stimmen.
Ein Telefon.
Irgendwo klingelt jemand.
Nach einer Weile sagt er:
„Ich kann nicht mehr.“
Leise. Fast beiläufig.
Als hätte dieser Satz die letzten Kräfte aufgebraucht.
Ich nicke.
Mehr passiert erstmal nicht.
Kein guter Satz.
Keine Intervention.
Keine Lösung.
Und genau das lernt man erstaunlich selten.
Wie man Medikamente aufzieht.
Wie man Risiken einschätzt.
Wie man dokumentiert.
Wie man deeskaliert.
Für all das gibt es Standards, Leitlinien, Schulungen.
Aber niemand zeigt einem wirklich, wie man mit der eigenen Hilflosigkeit umgeht, wenn man einem Menschen gegenübersitzt, dessen Schmerz sich weder lösen noch beschleunigen lässt.
Später gehe ich wieder raus.
Dokumentieren.
Medikamente richten.
Telefonate führen.
Betten koordinieren.
Im Verlaufsbericht wird dieser Moment später so aussehen:
Patient wirkt niedergeschlagen.
Gespräch geführt.
Keine Eigengefährdung angegeben.
Drei Sätze.
Keiner davon beschreibt, wie Verzweiflung klingt, wenn selbst Weinen zu anstrengend geworden ist.
Psychiatrische Pflege bewegt sich oft genau in diesen Zwischenräumen – dort, wo keine schnelle Lösung existiert und Präsenz zur wichtigsten Intervention wird.
Wir begleiten Krisen, die sich nicht in standardisierte Abläufe pressen lassen, und leisten dabei oft unsichtbare emotionale Arbeit.
Vielleicht sollten wir genau darüber häufiger sprechen.
Nadine Schuster arbeitet in der psychiatrischen Pflege, ist Mitglied der AFG Psychiatrische Pflege und schreibt literarische Texte über den klinischen Alltag. Ihr Buch „Ein Tanz auf dem Drahtseil – über Würde, Abgründe und die stille Arbeit in der Psychiatrie“ ist 2025 erschienen.